Stellen Sie sich vor, es war Wochenende, und keiner hat’s gemerkt. Diese herrliche Zeit von Donnerstag bis Sonntag, Sie haben sie schlicht verschlafen. Denn Ihr Wecker hat Sie eben nicht aus den Federn geschüttelt, zum A-Springen um 6.30 Uhr. Das ist hart. Aber so kann’s einem gehen, jetzt, wo die grüne Saison verblasst ist, und das bunte Leben jenseits von Stadien und Turnierackern nach Aufmerksamkeit schreit.
Die Welt ruft, brüllen sie zurück. Telefonieren Sie endlich mal wieder mit Ihrer Oma. Gehen Sie vor die Tür, schauen Sie: Sie haben Nachbarn. Verlassen Sie doch wenigstens für ein paar Monate den harmonischen Kreis Ihrer Mit(st)reiter. Haben Sie keine Angst, alle Turnierreiter und Zubehör treffen Sie spätestens ab Oktober auf jedem nur erdenklichen Lehrgang in allen zugigen Hallen in Ihrer Umgebung.
Sehen Sie Ihre Situation positiv: Die Saison bröckelt, der Stress fällt ab. Der Adrenalinspiegel sinkt, die Fingernägel wachsen nach.
Na gut, ich kann Sie natürlich schon verstehen: Sie haben Stollen verloren und Freunde gefunden, die letzten fünf Monate. Sie wissen genau, in welcher Reihenfolge der Mann mit dem silbernen Kombi den Fuchs seiner Freundin bandagiert und, dass das blonde Mädchen mit der Zahnspange, wenn es heult, nur vierte geworden ist.
Der Turnieralltag ist eben so überschaubar kalkulierbar.
Sie erinnern sich daran, dass der Richter mit der blauen Melone seinen Kaffee schwarz mag, und warum der sich so genau an Sie erinnert, lassen wir hier mal offen. So etwas verbindet.
Neben wem haben Sie nicht alles auf harten Bänken gehockt, den Turnierhocker in den Boden gerammt und den Campingsessel ins Gleichgewicht geschaukelt. Mit der Mutter von dem Sohn, der den dicken Braunen reitet, mit der breiten Blesse, haben Sie gefachsimpelt, und über die Familie mit dem ramponierten Pferdehänger gelästert. Man war sich nah am Tresen - lauter liebe Freunde, und in der Schlange vor der Meldestelle – alles alte Bekannte.
Und nun: Gähnende Langeweile. Weil Sie bis neun morgens liegen bleiben und auch später nicht zum Flohmarkt gehen.
Weil Sie zu faul sind, in die farbigen Reithosen zu klettern, um Ihr Pferd aufzuklären: Nein, die Mittellinie endet nicht bei X, halten und grüßen.
Ich will Ihnen sagen, was mit Ihnen los ist: Sie haben eine waschechte postsaisonale Depression mit früh-herbstlichen Zügen und einen klassischen Burn Out. Sie liegen da in Ihrer Pferdebettwäsche und jammern: Ja, was soll ich denn nun essen, hier zu Haus abseits von Imbiss und Schwenkgrill? Kein Mettbrötchen, keine Bratwurst, keine Erbsensuppe.
Finger weg von der Fritteuse! Pommes gab es oft genug. Denken Sie scharf nach, vielleicht finden Sie dann den Römertopf und schmurgeln mal wieder so einen richtig feinen Sonntagsbraten.
Aber was soll ich denn lesen? Tja- das quietschgelbe Aufgabenbuch können Sie sicherlich in- und auswendig. Holen Sie ruhig mal das Bügeleisen (wahrscheinlich steht das genau neben dem Römertopf), und plätten Sie die Eselsohren der Seiten 116 und 117. Sie wissen schon, die A5 und die A6.
Dann könnten Sie sich noch die Stress ergrauten Haare färben und die Turnierschabracken wieder weißen. Alle Schwämme und Putzklappen müssten dringend ausrangiert werden. Sie nehmen kein Wasser mehr auf, sondern schmieren lederfettig. Ihre Tochter wollte nämlich im gaaanz sauberen Sattel siegen. Auch die Sattelfettreste aus dem Autositz könnten Sie im selben Zuge absaugen. Rappeln Sie sich einfach auf. Packen Sie zu, geben Sie sich selber die Sporen. Ist schließlich Wochenende. Machen Sie sich Ihren Stress doch zu Hause. Dafür müssen Sie nicht aufs Turnier fahren.
Die Profis, die mit Pferdepflegern und dem ganzen Personal und so, die ziehen die Hallensaison natürlich knallhart durch. Aber ich glaube, das müssen die sogar. Sonst würden sie ja alle Wochenenden verpassen.