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Fachbeitrag von Jessica Kaup: "Alles ist erlaubt – bloß nicht Schema F!"
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Aufmerksam, vorsichtig, topfit und hellwach, so soll ein Springpferd sein, dann klappt`s auch im Parcours. Um das zu erreichen, müssen wir Reiter gerade im Wintertraining alles tun, um unsere Rösser bei Laune zu halten.
Gar nicht so leicht. Doch jetzt, zu Beginn eines neuen und bestimmt erfolgreichen Jahres, ist der optimale Zeitpunkt, Trainingsmethoden aufzupeppen und frischen Wind in die tägliche Arbeit zu bringen. Dabei gilt zunächst einmal die Maxime von Springprofi Franke Sloothaak: „Alles ist erlaubt, und alles geht. Hauptsache es macht Spaß, und zwar Reiter und Pferd.“
Der Springreiter fordert, das Training „offen und mit Pferdeverstand“ anzugehen, dabei zu gucken, was funktioniert und was nicht. Nach der Wirksamkeit solle man die Methoden eingrenzen. Das Wohl des Pferdes steht dabei natürlich an oberster, die Leistungsoptimierung erst an zweiter Stelle. „Wir dürfen nie vergessen, dass wir mit einem Lebewesen arbeiten“, appelliert Franke Sloothaak an Horsemanship in Haltung und Arbeit.
Lehrmeister Pferd
Dem Springprofi ist natürlich klar, dass nicht jeder Otto-Normal-Reiter auf optimale Trainingsmöglichkeiten zurückgreifen kann. Es gibt schließlich auch Reiter, die weder über zwei Reithallen, einen Longierzirkel, Paddocks, Weiden oder über ein schier unbegrenztes Ausreit-Areal verfügen. Dennoch ist jeder aufgefordert, sein eigenes, buntes Programm entsprechend der gegebenen Möglichkeiten zu entwickeln. Enorm wichtig ist für Sloothaak zuvor die ehrliche Analyse von Pferd und Reiter. Er warnt davor, die persönlichen Schwachpunkte zu verdrängen, statt aufzudecken und konsequent an ihnen zu arbeiten. „Jeder muss sich selbst immer wieder Gedanken machen, wie die Arbeit speziell für sein Pferd wirksam und abwechslungsreich zusammengestellt wird. Schema F funktioniert nämlich nicht. Man kann zwar Bücher lesen und Videos gucken, aber dort wird oft nur ein Idealbild geliefert. So sieht die Wirklichkeit oft nicht aus.“ Gradmesser für die Richtigkeit des Trainings ist für Sloothaak unser „Lehrmeister Nummer eins“: Das Pferd.
„Auch bei der täglichen Arbeit muss man auf sein Pferd hören. Wir haben das Reiten ja nicht erfunden. Die Pferde haben uns das Reiten beigebracht und je nach Rassetypus den Reitstil entsprechend geprägt.“ Wenn Sie also mal einen Blick auf die Ohren Ihres Pferde wagen möchten: Sehen Sie träge Schlappohren oder ein aufmerksames Ohrenspiel? Arbeitet Ihr Pferd fleißig mit oder spult es träge sein Pensum herunter? Das richtige Maß an Pflichterfüllung im Sinne von Trainingsgrundlagen zu finden, ist nicht immer leicht.
„Der typische Deutsche Reitstil ist durch ein ehemals grobes, klobiges und unhandliches Pferd geformt. Nur mit viel Fleiß, Gründlichkeit und Disziplin konnte man das Pferd verbessern.“ Ein wenig davon hat sich noch bis heute in der typisch deutschen Reiterei erhalten. Also muss man besonders aufpassen, dass weder Fleiß noch Gründlichkeit in der Arbeit dazu führen, die Pferde psychisch müde zu arbeiten, sie geistig zu zermürben. „Die Lockerheit anderer Stile, wie der des amerikanischen, irischen oder auch französischen Reitens sollte man durchaus übernehmen“, rät Sloothaak, die Augen auch für fremde Methoden zu öffnen. Doch trotz aller Bemühung um Lockerheit und Abwechslung weiß der Springprofi:„Die Winterarbeit ist die härteste und schwierigste Zeit für die Pferde. Es ist ja die einzige Zeit in der man kontinuierlich und mit Trainingsplan aufbauen kann. Kraft, Technik und Kondition, all das wird im Winter intensiv geschult.“ Dass andere Reiter die bisweilen graue Winterarbeit ganz aus dem Programm nehmen, ihren Pferden Winterurlaub als Kur für Körper und Seele gönnen, kann er nicht unterstützen.
„Von einer Winterpause für Turnierpferde, halte ich gar nichts. Manche Reiter nehmen ihre Pferde ja komplett für einen ganzen Monat aus dem Training. Aber vier Wochen ohne Reiten bedeutet meiner Meinung nach, ein halbes Jahr, um wieder völlig in Form zu kommen.“
Sloothaak meint also, dass täglich gearbeitet werden soll, warnt aber: „Es gibt dabei nichts Schlimmeres, als monoton das selbe zu tun.“
Serienwechsel und Passage
Die Bedeutung der Dressur für Springpferde insbesondere auch in der intensiven Trainingsperiode während der Winterzeit unterstreicht Georg Christoph Bödicker:
„Eine gute dressurmäßige Arbeit fördert die Beweglichkeit, Durchlässigkeit, Rittigkeit und den Gehorsam des Springpferdes erheblich. Die notwendige Kontrolle zwischen den Sprüngen und die Geschicklichkeit beim Springen kann aber nur in Verbindung mit Springübungen erworben werden.“
Die Dressurarbeit beginnt bei Bödicker selbstverständlich mit der lösenden Arbeit. Ist es während des Winters besonders kalt, sollte man sich ruhig ein wenig mehr Zeit mit dieser Aufwärmphase lassen, um Verletzungen zu vermeiden: „Dieses Phase dient dazu, die Muskulatur des Pferdes zu entspannen und den Bewegungsapparat, den Kreislauf und die Stoffwechseltätigkeit auf kommende Belastungen vorzubereiten“
Großes Augenmerk während der anschließenden Arbeitsphase legt Georg Christoph Bödicker auf eine leichte versammelnde Arbeit. Hier setzt der Ausbilder andere Akzente als sie in der reinen Dressur angebracht wären: „Beim Bestreben die Tätigkeit der Hinterbeine lebhafter zu gestalten und sie mehr zu belasten, muss der Reiter darauf achten, dass die Pferdenase leicht vor der Senkrechten bleibt. Eine schulmäßige Versammlung, verbunden mit dem Streben nach Kadenz, wie sie in der weiterführenden Ausbildung eines Dressurpferdes gefordert wird, ist für ein Springpferd meist nicht nützlich.“ Beim Springpferd, so Bödicker, reiche in der Regel ein Gleichgewichtszustand, den man als „Gebrauchshaltung“ bezeichnet, aus.
Obwohl mit Leib und Seele Springreiter, nimmt auch Sloothaak die Dressur als Basis sehr ernst. „Die dressurmäßige Arbeit ist wichtig, um das Gleichgewicht zu schulen und bestimmte Muskelgruppen aufzubauen.“ Es kann bei Franke Sloothaak auch vorkommen, dass er sich in die Sphären höherer Dressur begibt und quer durch die Halle passagiert. „Ich probiere schon mal eine Diagonale mit Zweier- oder Einerwechsel, nur so zum Spaß und um zu sehen, ob es funktioniert. Das fällt bei mir unter den Oberbegriff: dressurmäßige Versuche“, und ist wohl eher ein Gaudi auf hohem Niveau.
Viel Spaß haben Ross und Reiter draußen an der frischen Luft. Und weil es kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Kleidung und unpassenden Beschlag gibt, gilt auch im Winter die Devise: Ausreiten ist gut für Körper Geist und Seele – solange Sie sich nicht aufs Glatteis begeben. „Die Bewegung an der frischen Luft mit ständig wechselnden Umweltreizen ist für die Pferde eine interessante Abwechslung und hält den Geist wach. Mein Kollege John Whittaker, der geht beispielsweise einmal die Woche raus und lässt die Pferde rennen, was sie können. Ab durch die Wiesen und zwar volle Hacke. Das macht Pferd und Reiter Spaß“, weiß Franke Sloothaak, der an seiner Reitanlage am Füße des Teutoburger Waldes ein herrliches Ausreitgelände vor der Tür liegen hat. Ausreiten kann man übrigens anstelle, oder – Ihr Pferd wird es ihnen als Bewegungs-Fan danken – zusätzlich zur konzentrierten Arbeit.
Als weitere Alternative zum täglichen Hallenreiten greifen Sloothaak und seine Mitarbeiter gerne mal zur langen Leine: „Longenarbeit gibt es bei mir in allen Facetten und zwischendurch sogar mit der Doppellonge.“ Achtung: Wer nicht wirklich fit ist als Longenführer, sollte sein Pferd lieber am Halfter laufen lassen, als sich mit allen möglichen Hilfszügeln im Kreis zu drehen. Und die Doppellonge gehört wirklich nur in die Hände von Profis. So einer ist Sloothaak, und ein pfiffiger noch dazu: „Es kommt auch schon mal vor, dass ich meine Pferde einen Reifen ziehen lasse. Dabei können sie dann gleich die Halle schön glatt ziehen.“
Strammes Marschieren
Um seinen Pferden insgesamt genügend Bewegung, also rund zwei bis drei Stunden täglich, zu verschaffen, stellt Franke Sloothaak die Pferde ins Paddock, sofern seine Cracks denn drinnen bleiben und die Umgrenzung nicht als Herausforderung für ihre Springpferde-Ehre verstehen. Auch die Führanlage kommt auf dem Sloothaak`schen Betrieb regelmäßig zum Einsatz. „Natürlich ist die Arbeit in der Führanlage an sich monoton. Aber der Aspekt der zusätzlichen Bewegung in einem vorgegebenen Tempo ist mir trotzdem wichtig. Bei mir kommen die Pferde in der Regel vor der Arbeit unter dem Reiter 30 bis 45 Minuten in die Führanlage, um richtig zu marschieren.“
Nach der körperlich durchaus anspruchsvollen und konditionsfördernden Dauerbelastung, werden die Pferde kurz aber intensiv gearbeitet: „Die Natur des Pferdes als Fluchttier gibt die kurze Belastungsphase eigentlich vor“, erklärt Franke Sloothaak seine Trainingssystematik evolutionsgeschichtlich und fügt hinzu: „Das Pferd galoppiert bei Gefahr vielleicht maximal zehn Minuten, dann hört es wieder auf.“ Ein kurzes, konzentriertes und planvolles Arbeitsintervall eingebettet in mehrere entspannte Bewegungseinheiten, kommt der Natur des Pferdes am nächsten. „Springen ist ein Sprintsport. Wir brauchen keine Langstreckenläufer. Wir brauchen Sprinter mit guten Reflexen“, bekräftigt der Erfolgsreiter noch einmal die Bedeutung einer intensiven aber kurzen Trainingseinheit. Diese muss dann natürlich besonders attraktiv und lehrreich sein.
Blitzschnelle Reflexe
Oft integriert Sloothaak Bodenstangen in die tägliche Arbeit. „Stangenarbeit macht die Pferde aufmerksam. Ich reite die Pferde auch auf gebogenen Linien, also auf Zirkel oder Volte über Stangen.“ Ebenso nutzt Franke Sloothaak Cavalettis.
Gut für die Schulung des Reaktionsvermögens und der blitzschnellen Reflexe sind besonders In-out-Reihen. „Auch die lege ich manchmal in großen Volten an.“
Außerdem stehen bei ihm in der geräumigen Reithalle häufig auf einer langen Seite fünf Steilsprünge, auf der gegenüberliegenden Seite fünf Oxer hintereinander aufgereiht. „Die Pferde springen diese Reihen ohne Luft zu holen. Das ist ein intensives, anaerobes Belastungstraining. Es fördert Kraft und Kondition. Die Pferde geben eine viertel Stunde lang alles, ohne sich dabei eine Sekunde zu langweilen. Ich habe das Gefühl sie machen diese Arbeit unheimlich gerne.“
Ansonsten rät Franke Sloothaak dazu, viele verschiedene Hindernisse im Training einzusetzen. Auch wenn Sie in Ihrem Hindernisbestand keine bunten Werbesprünge, Mauern oder Brückenmauern haben, wie die Profis, so können Sie doch mit einfachen Mitteln Sprünge aufpeppen. Eine bunte Decke über den Sprung gelegt, eine wenig Tannengrün unter dem Sprung ausgebreitet, schon hat man einen echten Hingucker. Sie können aber auch einige Strohballen in die Halle schleppen und werden überrascht sein, wenn ihr Springpferd nicht gleich hinüber hüpft, sondern sich zunächst bei einem spontanen „Parkstop“ mit kräftigen Bissen von der Echtheit des Hindernisses überzeugt. Natürlich kann man auch mit der Farbzusammenstellung der Stangen immer neue Akzente setzten. Blau-weiß-Kombinationen beispielsweise stellen besondere Ansprüche ans Pferdeauge, ebenso wie einfarbige oder naturbelassene Sprünge.
Mit Natur-pur kann man überhaupt so einige Überraschungsmomente im Trainingsgeschehen erzeugen: Ersetzen Sie die normalen Holzstangen durch lange Zweige, oder flankieren Sie die Standard-Sprungständer mit ausrangierten Weihnachtstannen, und stellen Sie mit großer Freude fest, wieviel Leben in Ihrem Pferd steckt. Um Pferde mit dem Wassergraben vertraut zu machen, eignen sich blaue Plastikfolien, die zunächst unter einem Sprung ausgebreitet, später auch ohne Überbau zu springen sind. Ein Farbwechsel der Folie verhindert stereotype Wiederholungen.
Freies Springen?
Beim Thema Freispringen scheiden sich bei Profireitern ein wenig die Geister. „Ich wende es nicht so häufig an, sondern arbeite lieber kontrolliert im Sattel.“ Andere wiederum, wie zum Beispiel Uli Kirchhoff, schwören auf das regelmäßige Training ohne Reitergewicht und -hilfen, weil die Pferde dabei eigenverantwortlich und konzentriert eine Sprungreihe trainieren. Rhythmus und Reflexe werden dabei geschult. Wichtig ist, dass die Pferde auch vorm Freispringen zunächst aufgewärmt werden. Wer keine Führmaschine hat, sollte die Pferde vorher unbedingt in der Halle laufen lassen, oder sie ablongieren. Der Aufbau der Hindernisreihen richtet sich nicht nur nach Größe und Raumgriff des Pferdes, sondern auch nach Ausbildungsstand und nach dem angestrebten Ziel: Soll das Pferd gymnastiziert oder aufmerksam gemacht, technisch verbessert oder im Sprungverhalten beruhigt werden? Die Zielsetzung sollte klar definiert sein, wenn das Freispringen als Mittel zur Problemlösung eingesetzt wird. Um einseitige Belastungen auszuschließen, empfiehlt sich, das Freispringen nicht permanent auf der linken Hand durchzuführen.
Damit die Pferde bei der alltäglichen Arbeit unterm Sattel nicht die Lust am Springen verlieren, ist eine ausgewogene Kombination aus leichteren und anspruchsvolleren Hindernissen erforderlich. Franke Sloothaak erläutert:„Jedes Pferd geht am besten in seiner Klasse. Damit ein Pferd positiv gestimmt wird und an sich glaubt, ist es wichtig, es nicht zu überfordern. Andererseits muss man die Aufgaben zwischendurch erhöhen, denn nur so verhindert man, dass das Pferd weder bequem noch nachlässig wird. Es soll also auch im Training immer mal wieder die Augen aufmachen müssen!“ Egal ob hoch oder niedrig, bunt oder einfarbig, „tausendmal den selben Sprung zu üben, bringt überhaupt nichts“, warnt Franke Sloothaak. Übrigens auch ein Springpferd sollte nicht täglich gesprungen werden!
Wenn man trotzdem jeden Tag Stangen schleppen möchte, kann man sich zum Beispiel aus dem reichhaltigen Repertoire der Tellington-Methode knifflige Aufgaben auswählen. Ob man sein Pferd durchs Labyrinth leitet, oder mit ihm durch einen Stangenstern stakst, sinnvolle Spiele für Ross und Reiter gibt es allemal. Bei eigenen Kreationen eines Fun-Parcours gilt als oberstes Gebot, jegliche Verletzungsgefahr zu verhindern.
Ortswechsel
Übrigens auch Franke Sloothaak lädt seine Pferde während des Wintertrainings des öfteren in den Transporter, um in fremden Hallen zu trainieren:
„Wir fahren mal zu Ludger Beerbaum oder ins Leistungszentrum nach Warendorf, um gerade auch unseren jungen Pferden Abwechslung zu bieten und sie an neue Bedingungen zu gewöhnen.“ Diese Mühe sollte sich auch ein Amateurreiter hin und wieder machen. Und zwar nicht nur der fremden Halle wegen, sondern auch, um noch mal woanders Tipps und Anregungen für´s Training aufzuschnappen.











